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Start News Presse 2020-02-15 BT

2020-02-15 BT

BT-Talblick       Talblick

Machen wir einen kleinen Zeitsprung in den Mai des Jahres 2013, kurz vor Saisoneröffnung des damaligen Waldseebads. „Das in der jüngsten Saison von den Badegästen so schmerzlich vermisste Wassertretbecken im hinteren Teil des Waldseebads haben die Mitglieder des Freundeskreises instand gesetzt, sodass es zum Saisonstart wieder im neuen Glanz erstrahlen kann“, meldete diese Zeitung.

Machen wir nun einen kleinen Zeitsprung irgendwann ins Jahr 2021: „Endlich wird es eröffnet, das neue Waldseebad. Mit Chlorbecken und Naturbad und zahlreichen Attraktionen soll das Millionenprojekt eine Freizeiteinrichtung für die ganze Familie sein. Doch schmerzlich werden viele Badegäste das Wassertretbecken vermissen. Es wurde abgerissen, weil das Wasser so sauber sein müsste wie in einem Chlorbad. Und das war zu teuer.“ Nein, diese Zeilen sind nicht für den 1. April geplant.

Springen wir zurück in die Gegenwart des Jahres 2020. Denn das Tretbecken steht vor dem Aus (siehe Bericht unten). Jahrzehntelang wurde es genutzt. Wer Venenleiden hatte oder sich einfach was Gutes tun wollte, wer den Kindern eine kleine Besonderheit zeigen wollte – „Naaa, wer traut sich in das kalte Wasser?“ –, der ging an den Waldrand zum Kneippbecken. Hei, wie war das lustig, da drin herumzustapfen und zwar so, dass die Umstehenden, die sich nicht trauten, ein paar eiskalte Spritzer abbekamen.

Aus. Vorbei. Weil das Becken auf Schwimmbadgelände gelegen ist und somit die strengen Regeln eines Chlorbads zur Anwendung kommen. Diese sind, was erlaubte Keimzahlen anbelangt, erheblich strenger als die Werte, die ein paar Meter weiter im Naturbadbecken gelten werden. Das muss man nicht verstehen: Kneippwasser muss sauberer sein als das Badewasser im Naturbecken.

Irrsinnsland Deutschland: Natürlich ist es nicht verboten, barfuß durch den Traischbach zu waten – solange er außerhalb des Badgeländes sich durchs Tälchen schlängelt. Aber von einem Meter auf den anderen – von außerhalb des Zauns nach innerhalb – wird aus demselben Wasser eine potenzielle Gesundheitsgefahr, vor der man die Bevölkerung zu schützen hat.

Auch beim Arbeitskreis Tourismus-Freizeit ist man fassungslos über diese unerwartete Wendung, berichtet Mitglied Manfred Vogt von zahlreichen Anrufen, die er seit gestern nach Veröffentlichung der Meldung im BT bekommen hat. „Vielleicht ist man ja sogar froh, dass man das Kneippbecken los wird“, vermutet er. Gehen wir mal davon aus, dass dem nicht so ist. Hoffen wir, dass es genug Leute gibt, die sich ein beliebtes Kleinod nicht nehmen lassen wollen, und dass der gesunde Verstand siegen wird. Denn natürlich ist es nicht sinnvoll, insgesamt wohl 100000 Euro in ein Kneippbecken zu investieren. Es müsste doch reichen, einen kleinen Zaun drum herum zu stellen mit einem Schild am Zauntor: „Kein Trinkwasser. Benutzung auf eigene Gefahr!“ Oder sollte man etwa den Zaun ums Badgelände ein paar Meter so versetzen, dass sich das Kneippbecken außerhalb des Badgeländes befindet? Hoffen wir auf eine gute Lösung am Montagabend im Gaggenauer Gemeinderat. Thomas Senger

Im Blickpunkt: Wassertretbecken

Gefahr durch Krankheitskeime ist zu vermeiden

Gaggenau (tom) – Das Kneipp-Becken im Waldseebad soll weg. Denn für eine weitere Nutzung müsste das Wasser des Traischbachs so gereinigt werden, dass es den Anforderungen eines chemisch-technischen Bads genügt. Unterm Strich würde alles zu teuer werden, deshalb soll der Gemeinderat am Montag dem Abriss des Beckens zustimmen (wir berichteten). Auf BT-Anfrage erläutert das Landratsamt die Argumentation des Gesundheitsamts:

Das Wasser des Traischbachs sei in der Vergangenheit bei Proben mit Enterokokken und coliformen Keimen belastet gewesen. Das Infektionsschutzgesetz, hier §37, schreibe aber vor, dass Wasser nicht zur Übertragung von Krankheiten führen darf. „Aus Sicht des Gesundheitsamtes ist dies aufgrund der geringen Größe des Beckens nur mit einer Wasseraufbereitung nach DIN 19643 sicher zu gewährleisten“, so Pressesprecherin Gisela Merklinger. Damit wäre das Kneippwasser also sauberer als das Wasser, das im selben Waldseebad im Naturbad zum Baden freigegeben würde.

Bachwasser könne Bakterien der Gattung Cryptosporidien, Clostridien und Giardien aufgrund von Darmausscheidungen von Wasservögeln oder Schnecken beinhalten. Diese Erreger könnten nur durch eine systemische Partikelabscheidung – also eine Filtrationsanlage, wie sie Schwimmbäder betreiben – zurückgehalten werden.

Gelange dieses Bachwasser über den Mund in den Körper, „kann es schon bei einer sehr geringen Erregeraufnahme zu schwerwiegenden Darminfektionen kommen“, gibt die Behörde zu bedenken. Ein Anschluss des Tretbeckens an den Wasserkreislauf des Naturbades würde nicht zu einer deutlichen Kostensenkung führen, da auch hier Leitungen für den Wasserzufluss und -abfluss verlegt werden müssen.

Als Kosten für ein neues Edelstahlbecken, Strom- und Wasseranschluss werden 50000 bis 60000 Euro benannt. Hinzu kommen Abbruch, Betonfundamente, Grab- und Erdarbeiten, Verlegung eines Schmutzwasserkanals für abgebadetes chlorhaltiges Wasser sowie Erhöhung der Betriebskosten, unter anderem für Chemikalien. Ferner sind jährliche Füllwasseruntersuchungen, monatliche Beckenwasseruntersuchungen sowie jährliche amtliche Kontrollen erforderlich.

www.badisches-tagblatt.de

 

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